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Aus dem Tagebuch eines Buchlesers

25. November 2020

Ich sollte einen Säckchen zu Dr. Menehdi bringen, er brauchte sie dringend, noch diesen Nachmittag sollte ich sie abliefern. Pünktlichkeit war meine größte Stärke, also machte ich mir erst keine großen Sorgen um Dr. Menehdi, aber auf der Leyserstraße kam es unerwarterweise zu einem großen Stau. Ich hatte mir – und nichts anderes war das Geheimnis meiner exzessiven Pünktlichkeit – einen ausreichenden Zeitpuffer eingeplant, aber der Verkehr bewegte sich kaum. Mal ging es milimeterweise voran, mal kam der Verkehr zum Erliegen, mal ging es zentimeterweise zurück. Es dunkelte schon. Ich wurde nervös und trommelte auf die Armatur. Ich wechselte im Minutentakt die Radiosender, bis ich bei Ö1 hängenblieb, wo Kurt Jaggberg verloren geglaubte Gedichte von Martin Walser vortrug.

Wer mich kennt, weiß, dass ich nicht einfach auf die Schnelle mit leichtfertigem Urteil rausplatze; gerne lasse ich die Gedanken in meinem Kopf flanieren und betrachte die Dinge lange und bedächtig von allen Seiten, bevor ich mir eine feste Meinung bilde.  Aber auch nach langem Wälzen und Sinnieren muss ich sagen, dass Marcel Reich-Ranicki wohl nur die wenigsten Tassen im Schrank gehabt haben muss, als er zu Martin Walsers Roman Jenseits der Liebe meinte: „Ein belangloser, ein schlechter, ein miserabler Roman“ und zu Ein fliehendes Pferd: „ein Glanzstück deutscher Prosa“. Was für ein Unsinn – genau andersrum ist es richtig! Jenseits der Liebe ist furios, fabelhaft, durch die Bank gelungen – ein jazzy Meisterwerk. Ein fliehendes Pferd wiederum ist verschnarchte Deutschlehrer-Biederei, so betulich, dass man die Seite kaum umblättern mag, weil man keine Luft vor lauter Spießigkeit bekommt. Natürlich endet das ganze auch mit einem Abschlusssatz, tief aus der fürchterlichsten Kunstgewerbetrickkiste. Ein entsetzlicher Mist! Das verrissene Buch aber: grandios! Was hat sich Marcel Reich-Ranicki dabei bloß gedacht? Da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt! 

Wieder schlug ich auf die Armatur, diesmal allerdings vor Wut über dieses Fehlurteil und nicht über den Stau. Aber war nicht Reich-Ranicki Geheimagent für den polnischen Geheimdienst gewesen? Er musste es also gewohnt sein, das eine zu sagen, und – geheim – das andere zu denken. Das könnte alles erklären. Ich stellte mir Marcel Reich-Ranicki vor, wie er in einem brutalistisch entworfenen Ostblock-Hotel des Abends über die Gangflure schlich, mit an der Seite gehaltener Pistole mit Schalldämpfer, die Vorhänge wehte es durch die Fenster. 

Anschließend kam Franz Schuh ins Studio. Gemeinsam mit Sigrid Löffler und Radek Knapp unterhielten sie sich über die Entscheidung des Filmstudios Warner Brothers, die Fortsetzung des Superheldenfilms Wonder Woman gleichzeitig im Kino und auf der Streaming-Plattform HBO Max zu veröffentlichen. Ein trauriger Schlag für die Kinos, sagte Franz Schuh; Radek Knapp stimmte ihm zu, zeigte aber Verständnis für die Entscheidung angesichts der derzeit katastrophalen ökonomischen Situation der Kinobetriebe und Sigrid Löffler erinnerte daran, dass William Moulton Marston, der Erfinder von Wonder Woman, diese nur kreierte, um seinen Hang zu Fesselungsspielen und Unterjochungs-Masochismus zu sublimieren. 

So schnell, wie er gekommen war, löste sich der Stau wieder auf. Zwei Pferde, die auf der Kreuzung Ecke Leyserstraße/Zwinzstraße verendet waren, waren nun auf die Seite geschafft worden. 

Spät, aber noch vor Anbruch der Dunkelheit, erreichte ich die Villa Dr. Menehdis. Seine Gehilfin stand schon ungeduldig am Vorplatz und nahm die Zähne hastig entgegen. Dr. Menehdis Patienten warteten bereits seit Stunden auf die frischen Zähne.

 

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Triumph des Scheiterns 
von Peter Waldeck
 256 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag,
Fadenheftung, Leseband
€ 24.00
ISBN 978-3-903184-42-8
Erhältlich in einer Buchhandlung in Ihrer Nähe