Buchleser3

Aus dem Tagebuch eines Buchlesers

10. Oktober 2020

Es ist wohl allen klar, dass die beste Serie auf Netflix Bojack Horseman heißt. Ihr Erfinder Raphael Bob-Waksberg hat letztes Jahr ein Buch geschrieben, wie sehr habe ich mich darauf gefreut, eine Kurzgeschichtensammlung namens Someone will love you in all your damaged glory. Über ein halbes Jahr ist es in Amerika festgesteckt, erst dann hatten sich die Corona-Regeln soweit gelockert, dass es geliefert werden konnte. Ich war dementsprechend schon angefixt, hochgehypt, überjazzt.

Es traf sich gut, dass ich früher als erwartet eine Mordserie im dritten Bezirk aufklären konnte (der Mörder war, ganz wie ich es mir gedacht hatte, ein Schneider, der dafür bekannt war, schnell beleidigt zu sein). Mein Chef klopfte mir auf die Schulter und sagte, ich solle mal ruhig die Woche immer früher nachhause gehen. Und Zeit, die ich nicht arbeiten musste, war immer Zeit, in der ich lesen konnte.

Gerade hatte ich Drive your plow over the bones of the dead von Olga Tokarczuk beendet, das sich wie eine staubtrockene Slow Motion-Fassung von Otessa Moshfeghs Eileen las – es ließ mich angemessen frustriert zurück und ich ward regelrecht durstig nach einem frischeren bunteren Stil, etwas zeitgemäßem Humor. Her also mit dem Beschädigten Ruhm von Raphael Bob-Waksberg. Wie ich mich freute!

Umso mehr nach der ersten Kurzgeschichte über eine Aufschrift auf einer Dose Nüsschen. Fulmimant lustig war sie, erinnerte mich ein bisschen an Chris Ware. Aber je weiter ich in diesem Buch las, desto unruhiger wurde ich. Die Geschichte waren nicht schlecht, schon gut lustig, aber eben auch etwas, das ich in der Art schon hundertemal auf McSweeneys gelesen hatte. Und dann längere Stories, die in ihrer wehleidigen Art eher an seine andere, unausgewogene Serie Undone erinnerten, denn an das zwischen Slapstick und Tragik perfekt ausgewogene Meisterwerk Bojack Horseman. Ich beschloss es an diesem Samstagmorgen – mit sehr schlechtem Gewissen –  beiseite zu legen, die Hälfte hatte ich geschafft. Vielleicht würde es mir später besser zusagen, das war es: ich fand im Moment einfach keinen Draht zu diesem Buch. 

Stattdessen holte ich mir Peter Handkes Die Obstdiebin aus dem Regal und es war die richtige Wahl. Meine erste Begegnung mit Peter Handke war leider in seiner André Heller-Phase gewesen: Himmel über Berlin, Spiel des Fragens, Die Stunde da wir nichts voneinander wussten, das leidige Niemandsbuchtjahr – schrecklich manirierter Poesienonsens. Das konnte ich nicht ertragen, ojemine. Verrückt genug, dass man soetwas schreiben konnte. Über 20 Jahre wollte ich davon nichts mehr wissen, erst in den letzten Jahren wurde ich wieder aufmerksam, neugierig. Die Obstdiebin, also dieses Buch, in dem, wie man sagt, nichts passiert, und in dem ich alle paar Wochen 3-4 Seiten mit hohem Genuss lese. Wer sagt denn, dass hier nichts passiert? Der Erzähler ist zwar auf der Suche nach der Obstdiebin bis Seite 60 noch nicht aus seinem Dorf gekommen, aber schon hat er all seine Nachbarn ausgerichtet. Was für ein angenehm schrulliger Kauz, wie leicht und angenehm sich das Wenige an Handlung lesen lässt, wenn ein bisschen Nachbarschaftsdegout darüber gewürzt ist.
Das viele Wandern im Buch machte mich hungrig. Jeden Schritt stellte ich mir vor, mein Bauch knurrte bald unverschämt. Ich wollte eine Wurst, ja, eine Wurst wollte ich verzehren. Ich machte mich auf den Weg zu einem Hot Dog-Stand mit Waldviertler Biowürsten und Brot und sollte es je Erinnerungen eines Wurstessers geben, werde ich eine untröstliche Geschichte zu erzählen haben, über eine verspätetete Wurst, einen verwirrten Koch und eine Wursthaut, die nicht zu durchbeißen war, bis die Tränen über meine Wangen spülten, aber hier muss ich mich auf das Wesentliche konzentrieren, auf die Buchhandlung zum Beispiel, an der ich vorbeikam, in deren Auslage Dicht von Stefanie Sargnagel zu sehen war. Eine gekonnte Überraschung, da dieses Buch eigentlich erst drei Tage später erscheinen sollte. So schnell konnte ich gar nicht schauen und ich hatte das Buch unter dem Arm und trug es nachhause. Der arme Peter Handke wanderte wieder zurück ins Regal. Was hatte er mir für ein Vergnügen bereitet, aber ich musste ehrlich genug zu mir sein, um einzugestehen, dass ich nicht noch 550 Seiten lesen wollte, bevor ich mir eine gute Meinung über den neuen Sargnagel-Roman fassen wollte. 

So wandte ich mich schlechten Gewissens ab – ein weiteres Buch, das ich an diesem letzten sonnigen Tag verraten hatte – und öffnete Dicht. Ich kann leider gar nichts zur Qualität dieser Geschichte sagen, denn sie spielte in Währing, in Hernals, nur zwei Gassen weiter von dem Ort entfernt, wo ich mehrere Jahre gewohnt hatte. Auch die erwähnte Schule, das Gipsy Baron, all das war mir ein Begriff, wiewohl ich auch 10 Jahre vor der Handlung im Buch dort gelebt hatte, aber es half nichts. Es war die scheußlichste Gegend und die Zeit, in der ich dort gewohnt hatte, war die scheußlichste Zeit. Ich war überrascht, wie sehr mich diese ersten Kapitel deprimierten. Wie aus der Ferne sah ich zwar die gekonnte Eleganz dieses Buches, aber es war wie hinter Glas, wie hinter einem in Sepiatönen gehaltenen Kirchenglas, ich spürte nichts, nur die eigene Wut und die Trauer über die vielen vergeudeten Stunden, die ich zwischen Kreuzgasse und Hernalser Hauptstraße hin und hergewandert war, auf der Suche nach einem funktionierenden Getränkeautomaten, der mir Bier auswerfen wollte. 
Jäh wurde ich in meiner Wutmelancholie unterbrochen: Telefon, mein Chef war am Apparat. Der Schneider war aus seiner Untersuchungshaft ausgebrochen und hatte in einer Tankstelle Geiseln genommen. Auch wären ersten Zweifel an der Stichhaltigkeit meiner Beweise aufgekommen.

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Triumph des Scheiterns 
von Peter Waldeck
 256 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag,
Fadenheftung, Leseband
€ 24.00
ISBN 978-3-903184-42-8
Erhältlich in einer Buchhandlung in Ihrer Nähe